Stellen Sie sich vor, Sie sitzen mit drei weiteren Personen in einer gemütlichen Runde zusammen. Das Durchschnittsalter ist etwas über fünfzig. Es sind zwei Frauen und zwei Männer am Tisch. Dabei beginnen Sie mit Ihren Kameradinnen und Kollegen ein Gespräch über das Einkommen. Was leider viel zu wenig oft geschieht, da der Verdienst meistens ein Tabuthema ist. Item – Sie reden über das Einkommen. Und so führt das Gespräch auch zur Altersvorsorge und die Frage steht im Raum: was wird mit 65 sein? Wer wird dann welche Rente haben?

Tatsache ist, dass wer weniger als 300'000 Franken in der Pensionskasse hat, nicht viel mehr kriegt als ihm oder ihr gemäss Ergänzungsleistungen ohnehin zusteht. Oder anders gerechnet: wer weniger als 65'000 Franken pro Jahr verdient, wird schon Schwierigkeiten haben, überhaupt über die Schwelle der Ergänzungsleistungen zu kommen. Und in unserer Viererrunde sind es die beiden Frauen, die davon betroffen sein werden. Sie haben beide Teilzeit und in Tieflohnjobs gearbeitet.

Das Parlament hat die Erhöhung des Frauenrentenalters auf 65 beschlossen. Dagegen ist das Referendum ergriffen worden und die SP sammelt mit anderen Verbündeten Unterschriften. Wir müssen die AHV stärken, nicht schwächen! Denn erst ein Jahr später die AHV zu erhalten, verbessert an der oben genannten Situation der beiden Frauen gar nichts. Im Gegenteil: sie werden gezwungen sein, ein Jahr länger zu arbeiten, um sich am Schluss dann in der exakt gleichen Situation wiederzufinden. Jede vierte Frau hat nur die AHV. Jede zweite erhält weniger als 3000 Franken Rente, inklusive Pensionskasse. Jede neunte Frau muss direkt nach der Pensionierung Ergänzungsleistungen beziehen.

Die AHV ist der wichtigste Pfeiler für alle Menschen mit tiefen und mittleren Einkommen. Sie ist insbesondere auch der Pfeiler für jene, die hart arbeiten, aber ein ganzes Berufsleben lang schlecht entschädigt werden. Und das sind ganz viele Frauen.

Wenn irgendwas in unserer Altersvorsorge in der Krise ist, dann ist es unser Pensionskassensystem, das für hohe Kosten verhältnismässig tiefe Renten produziert. Hier wären griffige Änderungen angesagt, aber zu Viele verdienen gut an den privatwirtschaftlich organisierten Pensionskassen, dass hier der Hebel angesetzt würde.

Und alle, Männer und Frauen, welche die Erhöhung des Rentenalters nun schulterzuckend hinnehmen wollen: eines ist klar - diese Erhöhung ist nur der erste Schritt. Nach dem Rentenalter 65 für Frauen kommt das Rentenalter 67 für alle. Über eine entsprechende Initiative, die zustande gekommen ist, werden wir abstimmen müssen. Und das in einer Arbeitswelt, welche Menschen lieber schon mit 55 aussortiert und es für so manche arbeitswillige Person um die sechzig oder darunter sehr schwierig ist, eine neue Stelle zu finden.

Wir brauchen einen Ausbau der ersten Säule, keinen Abbau. Wir brauchen einen weiteren Aufbau der solidarischen Altersvorsorge. Und wir müssen jetzt den Plänen einer Rentenerhöhung für Frauen ein Ende setzen.

Carte Blanche, Volksstimme vom 11.02.2022

15. Feb 2022